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10. August 2016

Veganismus, nur ein Trend?

Zu dieser Frage und weiteren Themen rund um den Veganismus gibt es ein Interview mit Silke Bott, der Chefredakteurin des VEBU-Magazins und von vebu.de, während des monatlichen Vegan-Brunchs in Karlsruhe

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Der VEBU (Vegetarierbund Deutschland e. V.), gegründet 1892, ist die größte Interessenvertretung für vegan und vegetarisch lebende Menschen in Deutschland. Aus diesem Grund ist er zentraler Ansprechpartner für Politik, Industrie und Handel und vertritt die Interessen seiner mittlerweile über 15.000 Mitglieder, um die pflanzliche Lebensweise noch stärker in der Gesellschaft zu etablieren.

 

Ernährst du dich vegan oder vegetarisch? Warum?

„Bereits als Jugendliche hörte ich auf, Fleisch zu essen. Als ich dann später für mein Studium nach Karlsruhe gezogen bin, wurde ich zum ersten Mal mit einer veganen Lebensweise konfrontiert. Ein veganer Mitbewohner aus dem Studentenwohnheim fragte mich, warum ich eigentlich Vegetarierin sei. ‚Weil ich nicht möchte, dass für meinen Konsum Tiere leiden und sterben müssen‘, antwortete ich. Da wurde ich eines Besseren belehrt. Nach einigen Dokumentationen über die Machenschaften der Milch- und Ei-Industrie, einer intensiven Internetrecherche und einem Besuch bei einem Bio-Betrieb vor Ort wusste ich: Wenn ich bei meiner Begründung bleiben möchte, dann sollte ich vegan werden. Und so änderte ich meine Ernährungs- und Lebensweise. Das war vor über 10 Jahren.“

Es gibt ja mehrere Beweggründe, sich vegan zu ernähren. Bei mir sind es zum Beispiel ethische, ökologische und gesundheitliche Aspekte. Wie sieht es bei dir aus?

„Ich bin ganz klar aus ethischen Gründen vegan geworden – eben weil ich all das Tierleid nicht weiter unterstützen wollte. Irgendwann bemerkte ich dann, dass meine chronische Nierenbeckenentzündung, unter der ich vor meiner Ernährungsumstellung gut zweimal im Jahr litt, wie weggeblasen war. Mittlerweile kenne ich so viele Veganer, die nur aufgrund ihrer Ernährungsumstellung Krebs, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vieles mehr hinter sich lassen konnten. Das finde ich ziemlich krass, was allein die Ernährung alles bewirken kann – im positiven wie im negativen Sinne. Mittlerweile sind aber auch die Themen globale Ernährungssicherheit und Umweltschutz dazugekommen. Eine nachhaltige Ernährung ist mir insgesamt sehr wichtig, daher lebe ich nicht nur vegan, sondern achte auch darauf, dass die Produkte regional, saisonal und bio sind.“

Sind alle, die beim VEBU arbeiten, also Deutschlands größter Interessenvertretung für vegetarisch-vegan lebende Menschen, Veganer oder Vegetarier?

„In der Regel ja, aber das ergibt sich ganz von selbst. Wer sich damit beschäftigt, wie Nahrungsmittel produziert werden und dann noch in einem vegan-vegetarischen Umfeld arbeitet, der kann eigentlich gar nicht anders. Außerdem ist es immer gut, nicht nur theoretisches Wissen zu haben, sondern auch in der Praxis einen nachhaltigen Lebensstil vorzuleben.“

Die vegane Szene erlebt momentan einen Aufschwung. Woher kommt das Bewusstsein für den eigenen Konsum und die Auswirkungen auf die Umwelt oder andere Lebewesen? Oder ist es einfach nur ein Trend und bald wieder vorbei?

„Der VEBU hat in den vergangenen Jahren viel getan, um das Thema „vegan“ in die Gesellschaft zu tragen – von Veggie-Messen mit mehr als 20.000 Besuchern pro Standort, über die Aus- und Weiterbildung von Köchen und Ärzten, bis hin zur Beratung von Nahrungsmittelherstellern. Bereits heute sind Veggie-Produkte in jedem Supermarkt zu finden und erreichen einen Umsatz von über 450 Millionen Euro allein im letzten Jahr. Sich vegan zu ernähren, war nie leichter. Die Zahl der Vegetarier und Veganer wird weiter steigen, das belegen auch zahlreiche Studien von Zukunftsforschern.“

Teilweise werden Veganer kritisiert oder belächelt. Manchmal heißt es sogar, Veganer halten sich für etwas Besseres. Woher kommt dieser Argwohn?

„Man sitzt mit Freunden oder Geschäftskunden im Restaurant und unterhält sich gut. Dann kommt die Bedienung und nimmt die Bestellung auf. Sobald man ein veganes Gericht bestellt, hört man Kommentare wie „Ich esse auch nur sehr wenig Fleisch – und wenn, dann nur aus artgerechter Haltung“ oder ähnliche Rechtfertigungsversuche. Der Veganer hat nichts gemacht, er hat nur sein Essen bestellt. Und ich denke, dass hier auch der Kern verborgen ist: Heutzutage weiß eigentlich jeder, dass er mit einem Bissen Fleisch die Erde zerstört, den Klimawandel und Welthunger fördert sowie die Missstände in der Massentierhaltung mitfinanziert und unterstützt. Sich das einzugestehen, fällt vielen Menschen nicht leicht. Leicht ist es aber, sein Gegenüber, der sich engagiert, zu kritisieren und buchstäblich das Haar in der Suppe zu suchen.“

Reicht Vegetarismus aus, um etwas an der globalen Situation zu verändern?

„Jeder Schritt ist besser als sich überhaupt nicht zu bewegen. Wer seinen Fleischkonsum halbiert, tut auch schon eine Menge. Aber die Missstände in der Milch- und Ei-Industrie sind vergleichbar mit denen aus der Fleisch-Industrie. Eine vegane Ernährungsweise ist daher in allen angesprochenen Punkten nachhaltiger als eine vegetarische oder fleischhaltige Ernährung.“

Verzicht ist das Argument überhaupt, wenn es um vegane Ernährung geht. Was würdest du jemandem entgegnen, der sagt, er müsse auf zu vieles verzichten und könne deshalb nicht vegan leben?

„Ich würde ihn zu einem meiner veganen Brunch-Events einladen, damit er gemeinsam mit 99 anderen Personen von rund 70 köstlichen veganen Speisen probieren könnte. Danach kann er dieses Vorurteil ad acta legen. Sollte das nicht reichen, mache ich mit ihm eine Schlemmer- und Shoppingtour durch den Supermarkt. Bei all der Auswahl an leckeren veganen Produkten kann man schnell den Überblick verlieren.“

Warum wird Fleisch als notwendiges Lebensmittel gesehen? Genauso Milchprodukte?

„Die Werbung, aber vor allem auch der Bauernverband – eine mächtige Lobby der Massentierhalter – sorgen dafür, dass tierische Produkte nicht nur überall erhältlich sind, sondern durch fehlgeleitete Subventionen auch noch fast nichts mehr kosten. So verzehrt der deutsche Bundesbürger zu viel tierische Produkte, statt bei Gemüse und Co. verstärkt zuzugreifen. Zum Leidwesen der Tiere und der eigenen Gesundheit: Die Kosten, die ernährungsmitbedingte Krankheiten verursachen, trägt ja leider die Allgemeinheit. Wie beim Thema Atomstrom – er ist billig, die Folgekosten zahlt die Bevölkerung. Hier mangelt es an Aufklärung, denn teilweise weiß nicht einmal eine Ernährungsberaterin, dass Eisen, Kalzium und Co. auch in pflanzlichen Lebensmitteln stecken. Da setzt der VEBU mit Aufklärungskampagnen und Kongressen an. Ich persönlich wünsche mir seit Jahren eine CO2-Steuer, denn dann würde der Konsum von tierischen Produkten automatisch sinken.“

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Jenny Habermehl und Silke Bott im Interview beim Vegan-Brunch in Karlsruhe (Foto von Alen Kecic)

Inwiefern vertragen sich Nachhaltigkeit und vegane Fertigprodukte bzw. Sojaprodukte?

„Eine Ernährung ist dann nachhaltig, wenn sie regional, saisonal, bio und vor allem vegan ist. Dazu gehören zum Beispiel auch Sojamilch vom Bodensee und Tofu aus der örtlichen TofuManufaktur – hergestellt aus Sojabohnen, die in der näheren Umgebung wachsen. Auf den meisten Produkten steht ja, woher das Getreide oder die Sojabohnen stammen. Im Supermarkt kann der Verbraucher also leicht nachhaltige Produkte erwerben.“

Manche Menschen denken: Alleine kann ich sowieso nichts ausrichten. Es bringt nichts, solange die großen Firmen nicht mitspielen. Wie siehst du das Ganze? Kann man als einzelne Person mit kleinen Schritten etwas erreichen?

„‚Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann werden sie das Gesicht der Welt verändern‘, heißt es. Da bin ich doch lieber einer der Menschen, die sich bewegen, anstatt auf dem Sofa zu sitzen und nichts zu tun, oder? So viele Leute sagen, dass sie beim Fleisch auf die Herkunft achten würden – wenn das so wäre, dann würden nicht 98 % der Tiere in der Massentierhaltung leiden. Und genau das passiert, wenn man nichts tut und einfach weiter unreflektiert konsumiert. Wir Verbraucher haben die Macht! Das kann man gar nicht oft genug sagen. Wenn wir nachhaltige Produkte wünschen und kaufen, dann steigt das Angebot. In den letzten Jahren geht der Fleischkonsum in Deutschland zurück – es bewegt sich also etwas.“

Oft werde ich gefragt: Reicht es denn nicht, einfach Biofleisch zu kaufen? Oder was ist mit den Leuten, die Fleisch, Eier und Käse selbst produzieren oder bei einem Hof beziehen? Ist das denn auch „schlimm“?

„Da wir alle Nährstoffe, die in tierischen Produkten stecken, auch über eine rein pflanzliche Ernährungsweise decken können, muss sich jeder Nichtveganer fragen, wie er es rechtfertigen kann, ein Tier nach wenigen Wochen oder Monaten zu töten (oder es töten zu lassen), um es zu essen. Ich selbst dachte ja auch, wenn ich als Vegetarierin Bioprodukte kaufe, dass ich dann alles richtig machen würde. Aber dass männliche Küken getötet werden und ‚Legehennen‘ nach 12–15 Monaten, das ist auch auf Biohöfen nicht anders. Als Kind fütterte ich die Hasen meines Opas – als es an Ostern dann Hasenbraten gab, verweigerte ich das Fleisch. Darüber hinaus könnte ich auch kein Tier töten. Ich denke, dass es den meisten Menschen ebenso geht.“

Warum gibt es so viele Produkte, die Fleisch nachahmen? Von veganer Fleischwurst bis hin zum Schnitzel oder Braten gibt es mittlerweile fast alles. Manchmal stehen sogar Firmen wie Wiesenhof oder Rügenwalder hinter solchen Produkten. Wäre es nicht besser, die Menschen wieder zu natürlichen Nahrungsmitteln zu führen, weg von den Fertigprodukten? Oder haben diese Ersatzprodukte ihre Daseinsberechtigung?

„Ich selbst kaufe vegane Fleischalternativen äußerst selten. Aus gesundheitlichen Gründen stehen sie wie tierische Produkte an der Spitze der Ernährungspyramide, sind optional und sollten nicht die Grundlage einer gesunden Ernährung sein.

Dennoch sollte einer, der nicht ohne Currywurst und Co. leben kann, aus bereits genannten Gründen lieber eine vegane Wurst verzehren. Und wenn man sich die Zutatenliste eines bioveganen Schnitzels so anschaut, sieht man, dass das ganz normale Zutaten sind, wie Weizen, Fett, Johannisbrotkernmehl und Gewürze. Und Brot ist ja letzten Endes auch ein Fertigprodukt und trotzdem nicht wegzudenken aus deutschen Haushalten.“

Veganismus hat bei mir sehr zum Abmildern meiner Allergien und des Asthmas geholfen. Ich fühle mich fitter und gesünder. Auch bei sehr vielen anderen Erkrankungen wirkt sich eine vegane Ernährung sogar heilend aus. Wieso wird es dennoch oft nicht als Therapiemöglichkeit angesehen und wieso haben sogar Ärzte Vorurteile gegenüber der veganen Ernährung? Warum schlucken wir lieber Tabletten und Tabletten gegen die Nebenwirkungen der Tabletten, als etwas an unserem Lebensstil zu ändern?

„Das stimmt. Eine vegane Ernährung kann nicht nur nachweislich viele Krankheiten heilen, sondern wirkt vor allem auch präventiv. Wieso trotzdem so viele Menschen lieber krank werden und Medikamente nehmen wollen, liegt sicher auch an der Bequemlichkeit. Warum nimmt man für Kurzstrecken das Auto, obwohl man Beine oder ein Fahrrad hat? Auch hier siegt oft die Faulheit. Zum Glück gibt es die „VegMed“ – der VEBU organisiert diesen wissenschaftlichen Kongress für Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Co. seit Jahren mit. Dadurch wird die vegane Ernährung auch immer mehr als Therapiemöglichkeit angesehen. Aktuell läuft eine Studie in Österreich an, die untersucht, was passiert, wenn man sich während einer Chemotherapie vegan ernährt, während die Kontrollgruppe weiterhin tierische Produkte isst. Erste Einzelfallstudien dazu sind vielversprechend.“

Hinter der Massentierhaltung steckt eine riesige Industrie. Es werden Milliarden verdient und staatlich subventioniert. Wir exportieren fleißig in die ganze Welt. Gibt es da überhaupt eine Chance, das Ganze einzudämmen oder zu stoppen?

„Es geht nicht nur darum, dass die Menschen hierzulande mehr und mehr ihren Konsum an tierischen Produkten reduzieren sollten, sondern auch weltweit. Der VEBU arbeitet derzeit an einer Internationalisierung, damit die Bemühungen nicht vor Ort stecken bleiben, sondern die vegane Ernährung überall Fuß fassen kann. Europaweit die Subventionierung tierischer Nahrungsmittel abzuschaffen und noch dazu eine CO2-Steuer einzuführen, wäre ein wichtiges politisches Ziel im Kampf gegen die Massentierhaltung.“

Was würdest du  jemandem auf den Weg geben, der sich davor scheut, sich mit Veganismus auseinander zu setzen?

„Ich würde beispielsweise mit ihm in ein veganes Restaurant gehen und ihn die Vielfalt dort probieren lassen. Das wäre der Türöffner für weitere Gespräche. Gemeinsam könnten wir Brücken bauen sowie Mauern und Ängste abbauen.“